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Fachzeitschriften, Elternverbände, integrative Einrichtungen und Sondereinrichtungen für behinderte Kinder fragen nach spezifischen Vorträgen oder interviewen mich zum Thema Muskelhypotonie. Im Folgenden finden Sie veröffentlichte Zeitschriftenartikel.
Ergotherapie und Rehabilitation, 11/2005, Schulz-Kirchner Verlag

Die Therapie der muskulären Hypotonie

Jede neurophysiologische Behandlung erfordert ein komplexes Verständnis für die Anatomie und Physiologie des Zentralen Nervensystems in Verbindung mit der Skelettmuskulatur. Die TherapeutIn muss Funktionen einzelner Muskeln und Muskelgruppen kennen und Bewegungsanalysen durchführen. Genaues Wissen über die statomotorische Entwicklung des gesunden Säuglings ist für die Befundaufnahme und die Therapieplanung unverzichtbar.

Die Beeinflussung der Muskelkontraktionen erfolgt manuell über die Hände der TherapeutIn mittels sensibler, tiefensensorischer und vibratorischer Stimuli, die flächig, nicht etwa punktuell auf Muskelfunktionsbereiche gegeben werden. Der Patient benötigt keine besonderen Voraussetzungen und keine Bewegungsfähigkeit. Er wird bevorzugt in Rückenlage in einer flachen oder gebeugten Ausgangsposition gelagert, in der die muskelregulierenden Impulse proximale und möglichst viele distale Körperregionen erreichen.

Therapieziel: Haltungskontrolle

Der Patient soll Haltungskontrolle gegen die Schwerkraft in allen Körperpositionen, bei Bewegungsübergängen und unterschiedlichen Tätigkeiten erwerben. Die groß- und feinmotorischen Bewegungen sollen besser koordiniert, zielgenau, metrisch und deutlich feinabgestuft als bisher ablaufen können. Die Dosierung der Muskelkraft soll der Handlung angemessen sein. Mit verbesserter motorischer Anpassung bei stabiler posturaler Kontrolle nehmen Geschicklichkeit und Koordination zu. Das führt rückkoppelnd zu vermehrter Selbstständigkeit, guter Selbstwahrnehmung und zu Ichstärke mit Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Die Haltungskontrolle in allen Positionen ist die Voraussetzung für weiteres Lernen.

Die Haltungskontrolle ist die Voraussetzung für Handlungsfähigkeit.

Therapieschwerpunkt: Die ventrale Haltungskontrolle zur Körperwahrnehmung

ErgotherapeutInnen, die nach der sensorischen Integrationstherapie nach Jean Ayres arbeiten, kennen viele Übungen zur Stabilisierung der Streckmuskulatur, zum aktiven Aufrichten aus der Bauchlage gegen die Schwerkraft. Deshalb empfehle ich an dieser Stelle schwerpunktmäßig die Stimulierung der vorderen, ventralen Muskulatur. Die Übungen dazu sind konzeptionell entsprechend der Säuglingsentwicklung aufgebaut.

Ausgangsposition: Rückenlage mit Anheben von Kopf- u. Becken: Die Therapie wird in der Rückenlage als einer sehr wichtigen Ausgangsbasis für die weitere Körperaufrichtung begonnen, so wie ein Säugling in der Rückenlage beginnt, seinen Kopf in der Mitte einzustellen, die Hände ins Blickfeld zu führen und in der zweiten Säuglingshälfte die Beine zu betasten und empor zu heben. So lange es dem Kind nicht gelingt, den Kopf selbst anzuheben, stimuliert die TherapeutIn manuell die ventrale und laterale Halsmuskulatur. Um die Rumpfbeugung mit Bauchspannung vorzubereiten, werden die geraden und schrägen Bauchmuskeln durch intermittierendes Streichen, Tappen und Vibration aktiviert. In der Rückenlage die Beine ins Blickfeld anzuheben ist hypotonen Kindern meist nicht möglich. Zur visuomotorischen Koordination mit den Füßen ist es ein langer Weg, der über die Stabilisierung der Bauch-, Hüft- und Beinmuskulatur führt.

Therapieinhalte der ventralen Tonusregulation

  1. Stabilisierung der dorsalen, praevertebralen und lateralen Halsmuskulatur; Der Kopf soll gegen die Schwerkraft angehoben und gehalten werden, als Voraussetzung der visuellen Körperwahrnehmung und weiteren Aufrichtung.
  2. Stabilisierung der geraden und transversalen abdominalen Muskulatur als wichtiger Baustein des Greifens zur unteren Extremität;
  3. Stabilisierung und Differenzierung der Beinbewegungen entgegen der Schwerkraft, um Körperwahrnehmung und motorische Praxie nach der Vertikalisierung vorzubereiten.
  4. Anbahnen der Fuß-Fuß-Koordination und visuomotorische Koordination mit den Füßen, das heißt, die angehobenen Beinen ins Blickfeld bringen;
  5. Verbesserung der Taktilität der Füße als fundamentaler Baustein der Körperwahrnehmung und der Wahrnehmung von Bodenflächen.

Die vielschichtigen visuomotorischen Koordinationsabläufe werden entsprechend der normalen Säuglingsentwicklung während der Therapie «nach gearbeitet». Gleichzeitig intensiviert sich die Körperwahrnehmung des Patienten unter dem Einfluss der manuellen Stimulation. Der sensorische Wachheitsgrad, die Vigilanz, verbessern sich nachhaltig. Der in seinem Handlungsrepertoire eingeschränkte Patient erfährt die Variabilität seiner Körperbewegungen bei verbesserter, «wacher» Selbstwahrnehmung.

Therapieergebnisse

Behandlungserfolge lassen sich an einigen aktiven und jetzt sicheren Fähigkeiten des Patienten erkennen:

  • Anheben des Kopfes aus tiefer Rückenlage
  • aktives Anheben des Beckens gegen die Schwerkraft
  • stabile Rumpfbeugung; die Fähigkeit, sich abrollen zu können
  • Hand-Fuß-Kontakt, Hand-Augen-Fuß-Koordination
  • fließende, stabile Bewegungsübergänge mit Rotation
  • Nachholen der Krabbelphase
  • verbesserte Koordination
  • verbesserte Metrie der Bewegungen
  • langsame, vorsichtige Körperbewegungen
  • intensive Körperwahrnehmung
  • fokussierte Aufmerksamkeit
  • intensivere Kommunikation mit Blickkontakt
  • motorische Ruhe, ruhiges Sitzen auf den Sitzbeinhöckern
  • besseres Gehen, kein stampfender Gang mehr
  • Fußanpassung zur Bodenfläche, kein Stolpern
  • sicheres Treppensteigen, Balancieren und Herabklettern

Dieser neurophysiologische Therapieansatz bildet den Grundstein für die weitere darauf aufbauende ergotherapeutische Behandlung. Er darf als Ergänzung zur Sensorischen Integrationstherapie nach Ayres gesehen werden. Kinder mit motorischer Unruhe erhalten unter dem Einfluss der rhythmischen manuellen Therapie eine «sensorische Filterung», die ihnen zu Impulskontrolle und Aufmerksamkeit verhelfen kann. Koordination, Kommunikation und Konzentration verbessern sich unabhängig von den kognitiven Fähigkeiten des Patienten.

Die Dauer der sensomotorischen Therapie zum Erwerb der Haltungskontrolle hängt vom Reifegrad des Zentralen Nervensystems und vom Lebensalter des Patienten ab. Statomotorische Störungen mit muskulärer Hypotonie lassen sich mit günstiger Prognose in frühen Entwicklungsphasen behandeln, bevor das Kind läuft und Kompensationsmuster zum Aufrichten gefunden hat. Wenn die hypotonen Haltungen und Bewegungen erst im Schulalter als medizinisch relevant auffallen, etwa wegen der Gefährdung im Sportunterricht oder der gestörten Graphomotorik, ist mit langen Behandlungszeiten zu rechnen, wobei die Therapie ohne die Änderungen der Lebensgewohnheiten des Patienten nur zu eingeschränkten Erfolgen führen wird.