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Fachzeitschriften, Elternverbände, integrative Einrichtungen und Sondereinrichtungen für behinderte Kinder fragen nach spezifischen Vorträgen oder interviewen mich zum Thema Muskelhypotonie. Im Folgenden finden Sie veröffentlichte Zeitschriftenartikel.
Praxis Ergotherapie, 06/2009, Verlag modernes Lernen

Säuglinge und Kleinkinder erkunden ihre Umwelt geräuschvoll. Frühe Defizite in der sensiblen Phase auditiver Explorationen können die Konzentrationsfähigkeit – auch noch im Schulalter – beeinträchtigen und unruhiges Verhalten begünstigen. Auditive Verarbeitungsstörungen lassen sich anhand gezielter Spielbeobachtungen früh erkennen.

Lokalisieren von Geräuschen

Kinder mit mangelnder auditiver Verarbeitung sind ablenkbar von Geräuschen. Sie wenden den Kopf zur Schallquelle, so wie es Säuglinge tun, um die Geräuschquelle zu lokalisieren. Ihnen fehlt sozusagen die wahrnehmende Ortung im Raum. Sie verhalten sich ruhelos und unruhig und wirken manchmal desorientiert. Ihre Ablenkbarkeit von Geräuschen ist auch noch im Schulalter hoch.

Diese Kinder können sich einzeln konzentrieren, jedoch nicht in Gruppen- und Klassenräumen bei zunehmendem Geräuschpegel. Sie verlieren bei Umgebungsgeräuschen die Aufmerksamkeit. Auffallend ist, dass einige unruhige Kinder herunter gefallene Sachen nicht prompt finden. Das ungenügende Lokalisieren von Geräuschen könnte auf eine frühe auditive Verarbeitungsschwäche hinweisen.

Ab dem 4. Monat wenden Säuglinge den Kopf in die Richtung zur Schallquelle. Krabbelnde Kinder bewegen sich Ziel gerichtet ohne Desorientierung auf Geräusche zu. Sie müssen nicht lange suchen, sondern finden sogleich das Geräusch. Säuglinge provozieren selbst aktiv bereits ab dem 5. Monat durch Loslassen, Wegwerfen, Stoßen, Rollen und Beklopfen von Objekten Geräusche, an denen sie Freude haben. Sie schauen dem Geräusch interessiert nach und wenden sich ihm zu. Herunter gefallene Gegenstände werden prompt lokalisiert. Man erkennt es an den Augenfolgebewegungen von Säuglingen und Kleinkindern.

Hörbeeinträchtigte und motorisch behinderte Kinder weisen oft okuläre Motilitätsstörungen auf. Ihr Blickfeld kann beeinträchtigt sein. Wenn auditive Anreize vermindert wahrgenommen werden, kann nach meiner Ansicht die visuelle Wahrnehmung in Mitleidenschaft geraten. Kindern mit Behinderungen fehlen die motorischen Voraussetzungen zur aktiven auditiven Exploration. Ihre Art Geräusche zu erkunden ist oft abgeschwächt oder bleibt aus. Viele Kinder mit Entwicklungsverzögerungen und genetischen Syndromen sind schreckhaft und verunsichert, solange sie nicht aktiv Geräusche produzieren und lokalisieren lernen.

In der Ergotherapie sehen wir Kinder, deren visuelle Wahrnehmung altersgemäß entwickelt ist, die jedoch weder ausreichend auditiv lokalisieren, noch Geräusche differenzieren können. Im Vorschul- und Schulalter klären wir die visuelle Wahrnehmung mit Hilfe des neuen Frostig Entwicklungstests der visuellen Wahrnehmung 2 ab. Diese Testung lässt keine Rückschlüsse auf okuläre Motilitätsstörungen zu wie sie im Zusammenhang mit Lese- und Rechtschreibschwächen von Autoren beschrieben werden.

Die Aufmerksamkeitsdefizite der zur Therapie überwiesenen Kinder veranlassen uns zu Rückschlüssen auf defizitäre sensorische Verarbeitung. In welchem Wahrnehmungsbereich sollen wir ansetzen, ist die Schlüsselfrage zur Effizienz unserer Behandlung.

Differenzieren von Geräuschen

Kinder, die in der Säuglingsphase und im 2. Lebensjahr auditiv exploriert haben, können Alltagsgeräusche mühelos zuordnen. Der sie umgebende Klangraum ist in ihr auditives Gedächtnis integriert. Nur noch unbekannte Geräusche werden bewusst lokalisiert und differenziert und können zu einer kurzen Unterbrechung der Handlung führen. In der Phase auditiver Differenzierung unterbrechen kleine Kinder ihr Spiel und horchen auf. Sie benötigen Zeit, um die Geräuschquelle zu untersuchen. Nach der Kleinkindphase reicht meist das assoziative Gedächtnis aus, um ein noch unbekanntes Geräusch einzuordnen.

Kinder mit frühkindlichen Bindungsstörungen und häufigen Ortswechseln ohne akustische Vertrautheit, verbunden mit Störungen des Lebensrhythmus können auditiv überstimuliert sein. Ihre erhöhte Aufmerksamkeit auf Umgebungsgeräusche wird oft als Aufmerksamkeitsdefizit interpretiert. Dem desorientierten Verhalten liegt nicht selten ein Mangel an akustischer Differenzierung zu Grunde. Diese Kinder wenden häufig den Kopf, um zu sehen, was gerade vor sich geht. Ihre Augen verweilen nicht, der Blick wirkt unstet. Die Aufmerksamkeit scheint zu fehlen, obwohl sie angestrengt und viel wahrnehmen. Kinder mit Differenzierungsproblemen von Geräuschen haben ausnahmslos Defizite in der auditiven Explorationsphase. Das auditive Gedächtnis hat sozusagen noch keine ausreichende sensorische Sättigung erfahren.

Stressbelastung der Eltern kommt als Störfaktor für auditive Verarbeitungsstörungen in Frage. Der nicht an die kindgemäße Langsamkeit angepasste Tagesablauf überfordert Kinder und verhindert Innehalten und Untersuchen von Sinneseindrücken. Stehen bleiben und Lauschen kennzeichnet die Wahrnehmungsverarbeitung von Kleinkindern. Sie sind hungrig nach Sinneserfahrungen, die gesättigt werden wollen. Heutzutage erleiden viele Kinder durch zu frühes und zu viel Fernsehen eine Art von sensorischer Deprivation wie sie bei Vernachlässigung vorkommt. Heutzutage werden Kinder akustisch und visuell überstimuliert. Die hohen Frequenzen moderner Technik versetzen das Zentralnervensystem in ständige Alarmbereitschaft. Emotionale und motorische Unruhe, oft mit Aufmerksamkeitsdefiziten verbunden, sind die Folge.

Ein Leben auf der Überholspur verhindert Innehalten und Lauschen, es ermöglicht keine ausreichende auditive Differenzierung in Verbindung mit sensorischen Erfahrungen. Die sensorische und auditive Verarbeitung ist dysintegriert.

Im logopädischen Sprachgebrauch wird von zentral-auditiven Verarbeitungsstörungen gesprochen.

Auditive Sequenzierung

Um ein Lied zu singen ist die genaue auditive Sequenzwahrnehmung von Klängen, Rhythmus und Sprache erforderlich. Vorausgehen muss ein rhythmisches Sprech- und Singangebot in den ersten Kinderjahren. Alle Völker kennen Wiegenlieder und Reime. Die frühe Mutter-Kind-Interaktion ist von einem Singsang in hohen Tonlagen geprägt, dem das Baby melodisch antwortet. Die Sequenzen der Intonation von Mutter und Kind sind aufeinander abgestimmt. Die auditive Sequenzierung ist eine mit der Geburt vorhandene Merkfähigkeit der Folgen von Silben, Klängen und Geräuschen. Diese Sequenzwahrnehmung beginnt bereits vorgeburtlich und ermöglicht dem Neugeborenen die Mutterstimme wieder zu erkennen.

Die Rhythmus- und Sequenzwahrnehmung eines Menschen ist von grundlegenden frühen positiven und negativen akustischen Eindrücken geprägt. Sie kann zu auditiver Integration oder Dysintegration führen. Frühkindliche Stimm-, Klang- und Geräuschwahrnehmungen beeinflussen lebenslang die emotionale Befindlichkeit. Oftmals erschrecken wir noch im Erwachsenenalter über ein Geräusch, das uns bereits in der Kindheit ängstigte. Stimmfrequenzen wecken Erinnerungen an bestimmte Personen. Alle Gedächtnisinhalte werden in Verbindung mit Emotionen gespeichert, erinnert oder verdrängt.

Die Speicherfähigkeit für Sprache in Form von Silbensequenzen beinhaltet die Fähigkeit, auditiv zu differenzieren. Die auditive Aufmerksamkeit bezeichnet die Wahrnehmungsschwelle, die zwischen inneren und äußeren Sinneseingaben Konzentration ermöglicht. Die Lese- und Schreibfähigkeit bezieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die frühen auditiven Sequenzeindrücke und deren emotionalen Botschaften.

Während der präverbalen Kommunikation, bevor das Sprachverständnis möglich ist, filtern Säuglinge aus den Sequenzen die emotionale Botschaft in Form von Intonation und Schwingungen.

Die auditive Sequenziergung ist die genaueste Wahrnehmung zum Erkennen von Serien und Folgen. Sie bildet die Basis für die serielle Integration anderer Sinneseindrücke im Zentralnervensystem. Bei sensorischen Integrationsstörungen ist die zentral-auditive Verarbeitung häufig mit betroffen.

Die auditive Explorationsphase

Säuglinge und Kleinkinder explorieren auditiv im 1. und 2. Lebensjahr. Sobald die Hand-Hand-Koordination im 5. Monat ausreicht zum Halten, Schütteln und aneinander führen von Gegenständen, werden die Hände so eingesetzt, das akustische Sinneswahrnehmung entstehen. Die Kleinen produzieren Geräusche, in dem sie Objekte bewegen, rütteln, wegstoßen oder wegwerfen. Sie pochen, klopfen, reiben an Flächen und Gegenständen. Sie lauschen, halten inne, um den spezifischen Klang des Materials zu erfassen.

Die auditive Exploration ist gekennzeichnet durch das aktive und variable Wiederholen von Vokalen, Klängen und Geräuschen, die das Kind aufmerksam und genussvoll wahrnimmt.

Auditive Exploration ist ohne Kinästhesie nicht möglich. Sie setzt die Motivation und Bewegungsfähigkeit des Kindes voraus. Man kann von einem Hand-Hand-Fuß-Gehör-Koordinationsprozess sprechen, von akusto-motorischer Koordination.

Fragen an die Eltern

  • Hat das Kind zwischen dem 5. – 15. Monat geräuschvoll gespielt, auditiv exploriert?
  • Hat es immer wieder Geräusche selbst verursacht und gelauscht?
  • Ist die auditive Explorationsphase in den ersten Kinderjahren ausgeblieben
  • oder weniger intensiv durchlebt worden?
  • Können sich die Eltern an Geräuschvorlieben ihres Kindes erinnern?
  • Hat das Kind heftig Geräusche provoziert ohne zu lauschen, zu differenzieren?
  • Waren die Geräusche laut, eintönig oder zu schwach?
  • Hat es den Widerhall seiner Stimme in gefliesten Räumen ausprobiert?
  • Hat das Kind die Füße in die auditive Exploration einbezogen?
  • Stampft das Kind gerne laut und kräftig oder nur schwach?

Wenn die Eltern sich nicht deutlich an geräuschvolles Spielen erinnern, so kann dies ein Indiz für die mangelnde auditive Aktivität des Kindes sein. Die Kommunikations-, Geräusch- und Mediengewohnheiten einer Familie sollen in der Anamnese mit erfasst werden.

Beobachtungen zur auditiven Exploration

Rollenspiele mit Kücheninventar lieben alle Kinder. Das Spielen mit klapperndem Geschirr und Besteck eignet sich gut zur Beobachtung, wie das Kind mit Geräuschen umgeht. Beim Rieseln, Einfüllen und Ausleeren, Sieben und Umschütten von Reis, Nudeln, Bohnen oder Kastanien in Behälter aus Blech kann die Ergotherapeutin nicht nur die Feinmotorik, sondern vor allem die sensomotorische Qualität der Spielhandlung einschätzen. Blechdosen mit Deckeln, Trichter, Schlauchstücke und Flaschen mit verschieden schmalen Öffnungen dienen als akustische Verstärker. Wenn das Kind Dinge einfüllt, ausleert und hinein steckt, lässt sich beobachten, ob es die begleitenden Geräusche aufmerksam wahrnimmt.

Zusätzlich zu den Alltagsgeräuschen stellt man eine Klangkiste mit Materialien zum Erzeugen von harmonischen und dysharmonischen, lauten und leisen Geräusche zusammen. Man beobachtet wie das Kind mit dem akustischen Material umgeht: Erforscht es variabel mit intensivem Lauschen die Klänge, oder entwickelt es wenig Interesse und Ideen zum Ausprobieren von Geräuschen? Ist der Gesichtsausdruck teilnahmslos oder mimisch wach?

Geräusche wecken auf, fördern Vigilanz und verändern den Muskeltonus. Sie wirken nicht nur anregend, sondern auch aufregend oder entspannend. Das Gehör kann sich nicht vor Überstimulierung schützen. Akustische Sinneseindrücke beeinflussen immer die Gefühle, Körperhaltung und Mimik.

  • Welche Handhabungen zeigt das Kind im Umgang mit akustischen Material?
  • Hält es mit wachem Gesichtsausdruck inne und lauscht, oder wirkt es teilnahmslos?
  • Pflegt das Kind einen eher groben und lauten Umgang mit dem Material?
  • Prüft es leise Geräusche am Ohr, oder hält es Abstand?
  • Lokalisiert es Gegenstände, die auf den Fußboden fallen?
  • Richten sich die Augen nach der Schallquelle aus?
  • Nimmt es seitlich in den Raum rollende Objekte auditiv und visuell wahr?
  • Werden Behälter geschüttelt, um am Geräusch und Gewicht, den Inhalt zu identifizieren
  • oder schüttelt das Kind diese nur kurz ohne zu lauschen?
  • Werden Gegenstände prüfend beklopft, aneinander geführt und gerieben?
  • Zeigt das Kind Freude oder Abwehr beim Umwerfen eines Turms?

Ein auditives Spielscreening ist bereits im Kleinkind- und Kindergartenalter anwendbar und für Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsverzögerungen, Behinderungen und Aufmerksamkeitsdefiziten geeignet.

Kinder im Kindergarten-, Vorschul- und Schulalter lassen sich für Geräusche begeistern, wenn sie diese entdecken und erraten dürfen. Man kann die Geräusche hinter einem Sichtschutz anbieten. Wie klingt ein Gummiball oder eine Holzkugel, ein Tischtennisball oder ein Softball, wenn die Bälle auf einer Holzfläche rollen? Im Horchen ungeübte Kinder müssen die Geräusche selbst ausprobieren. Schieben und Rollen von Gegenständen auf einer schrägen Fläche fördert nicht nur das auditive, sondern auch das visuelle Fokussieren und Lokalisieren.

Fragen zur auditiven Sequenzierung

Im Rahmen der ergotherapeutischen Befunderhebung im Vorschul- und Grundschulalter lässt sich die Fähigkeit zur auditiven Sequenzierung überprüfen und im Behandlungsverlauf beobachten.

  • Kann sich das Kind Reime und Sprüche merken?
  • Kann es Rhythmen und rhythmische Sequenzen nachklatschen, nachtrommeln oder nachstampfen?
  • Wie ist die assoziative Fähigkeit bei ausgelassenen Wortendungen und Reimen?
  • Kann das Kind sich Wörter, Sätze, Silbenfolgen und Zahlenfolgen merken?
  • Erinnert es 3teilige Reihenfolgen, Handlungsabläufe und Regeln?

Das Zahlengedächtnis kann sich von anderen Gedächtnisleistungen unterscheiden. Manchmal ist die Zahlenspeicherung besser ausgebildet, als das Merken von Wörtern, Sätzen und Texten, oder umgekehrt.

Kinder mit eingeschränkter auditiver Sequenzierung sind unaufmerksamer beim Erfassen von Folgen und ermüden schnell beim Zuhören. Ihre auditive Merkspanne ist verkürzt.

Auditive Wahrnehmungsförderung mit Alltagsgeräuschen

Das Klanggedächtnis entsteht in der Lebenswelt eines Menschen. Es dauert Jahre des Horchens und Erkundens von Geräuschen, bis das Klanggedächtnis kleiner Kinder gefüllt ist. Der Drang, Geräusche zu suchen, zu untersuchen und zu explorieren lässt nach der Kleinkindphase nach. Nur noch unbekannte Geräusche fordern zur Hinwendung auf. Bei bereits bekannten Klängen halten Kinder nicht mehr lauschend inne. Spätestens bis zum Schuleintritt sollte die Exploration von Alltags- und Umweltgeräuschen abgeschlossen sein. Anderenfalls lenken Geräusche ab und können die Konzentration stören.

Bei entwicklungsverzögerten, behinderten, motorisch unruhigen und leicht ablenkbaren Kindern ist das Klanggedächtnis möglicherweise noch nicht gesättigt. Die auditive Wahrnehmung benötigt noch Anregung auf der frühen Stufe der Lokalisation, Exploration, Differenzierung und Sequenzierung. Dazu werden in der Therapie Klangräume geschaffen, die dem Erlebnisbereich des Kindes entsprechen. Rollenspiele sind zum Geräusche erzeugen gut geeignet. Sie passen zum Entwicklungsalter 2jähriger und sind bei 4 bis 5jährigen Kindern sehr beliebt. Auch Vorschul- und Grundschulkinder sind für interessante Rollenspiele zu begeistern.

Im Klangraum „Küche“ hantiert das Kind mit Geschirr, Besteck und Küchengefäßen. Hinter einem Sichtschutz kann es nach der aktiven Exploration die Geräusche erraten. Verse wie „Backe, backe Kuchen“ oder „Kinder, kommt und ratet, was im Ofen bratet...“, passen zur Tätigkeit.

Im Klangraum „Wald oder Urwald“ legt man eine Knisterfolie aus und verdunkelt das Zimmer. Eins oder mehrere Kinder stellen Tiere dar, die nachts in einer Höhle oder Nest, im Knautschsack, schlafen. Auf dem Körper liegen Bohnensäckchen. Ein Raubtier schleicht heran und versucht, die Beute wegzunehmen, ohne dass die Tiere erwachen. Die Säckchen werden leise in die Höhle des Raubtieres, einen Pappkarton, transportiert. Wenn ein schlafendes Kind unvorsichtig berührt und aufgeweckt wird, darf es aufspringen und dem Raubtier die Beute abjagen. Verse wie „Der Fuchs geht rum“ lassen sich abwandeln.

Im Klangraum „Zoo“ baut sich das Kind Tiergehege aus Klötzen oder Latten, in dem es verweilt. Eine Familie besucht den Zoo und bewundert die Tiere. Streicheln und Füttern ist erlaubt. Die Tiere im Käfig machen Stimmen und Geräusche. Die Familie bewundert die Tiere.

Im Klangraum „Reiterhof“ reitet das Kind auf einer Rolle, SI-Pferd oder rittlings über einer U-förmig aufgehängten Hängematte. Es führt sein „Pferd“ in gleichmäßigem Rhythmus ohne herab zu fallen. Im Stehen und Gehen kann man bei diesem Rollenspiel Horchen und Bewegungen verbinden. Trommelschläge vermitteln die Gangart und das Tempo: Schritt, Trab, Galopp, Anhalten, vorwärts, seitwärts, rückwärts, überspringen von Hindernissen. Dazu passt Zungenschnalzen, Prusten, Schnauben und Wiehern. Zum Schluss wird das Pferd gestreichelt, gebürstet, beklopft, gefüttert und die Pferdeäpfel (Bälle) eingesammelt. Reiterlieder sind bekannt.

Im Klangraum „Kirche“ stellt das Kind mit schwingenden Instrumenten und Bewegungen die Glocken dar. Läuten und Stille, Lauschen und Zuhören wechseln ab. Das Kind kann auch im Therapiekreisel sitzen und diesen seitlich bewegen. Es gibt einfache Verse wie „Bim bam – Glockenklang“ und schöne christliche Kinderlieder.

Verkehrsbezogenen Klangräume beinhalten Rollenspiele wie Zug, Straßenbahn oder Bus, Flugzeug, Krankenwagen, Feuerwehr oder Polizei. Kinder kennen keine Grenzen für die Frequenzen und Sequenzierung der Motorgeräusche.

Ein Klangpfad lässt sich mit einfachen Mitteln im Therapieraum gestalten. Über hölzerne Balancierlatten, Plastikfolien, Sandsäckchen, Naturmaterialien wie Blätter und Kastanien geht das Kind barfuss. Alles klingt anders, wenn derselbe Weg mit Holzschuhen zurück gelegt wird. Als Krabbelübung befestigt man zwei Holzbretter, Frühstücksbretter, unter den Händen. Das geräuschvolle Aufsetzten der Hände auf verschiedenen Bodenflächen klingt wie eine Elefantenparade.

Topfschlagen ist ein Muss der Kindheitserfahrungen. Krabbelnd mit verbundenen Augen und einem Kochlöffel erkundet das Kind das Zimmer. Die Möbel, Flächen und Wände dürfen beklopft werden zur Differenzierung der Umweltgeräusche.

Das Hör-Bingo dient dem Wiedererkennen und der Differenzierung von Alltagsgeräuschen. Die Therapeutin produziert die Geräusche hinter einer Sichtwand oder spielt sie auf einer CD vor. Es gibt im Handel erhältliche Geräuschmedien mit Klappern von Löffeln oder Schlüsseln, Deckel auf Dosen legen, ein Getränk in ein Glas einschenken, Zähneputzen, die Toilettenspülung betätigen, Geschirr abwaschen und vieles mehr.

Horchen fördert und zentriert die Aufmerksamkeit. Beim von Hören von CDs fehlt jedoch das Lokalisieren von Geräuschen und die eigene Exploration; Erfahrungen, die Kinder mit Bewegungsdeprivation vermissen.

Übungen zur auditiven Sequenzwahrnehmung

In vorigen Jahrhunderten lauschten die Menschen den Klängen der Kirchturmuhren, um sich zeitlich zu orientieren. Heutzutage fehlt Kindern das Mitzählen der Uhrschläge, um die Zeit zu erfassen.

Sequenzwahrnehmung ist mit dem Erkennen des Zeitraumes, der zwischen den einzelnen Sequenzen liegt, verbunden. Die akustische Wahrnehmung ist die genaueste Sinneswahrnehmung zur seriellen Erfassung. Das zeiträumliche Gedächtnis bildet die Basis der räumlichen Orientierung.

Die exakte Sequenzerfassung der zentral-auditiven Verarbeitung dürfen Therapeuten zur effektiven Behandlung nutzen. Jedes Würfelspiel und jedes Einüben von Mengen und Zahlen sollte mit vom Kind durchgeführten Tamburinschlägen verbunden werden. Das im digitalen Zeitalter erschwerte Erlernen der Uhr wird mit Trommelschlägen akustisch wahrnehmbar. Kinder lernen horchend die Uhrzeit zu erfassen, wenn sie selbst die Anzahl der Stunden klopfen. Im schnellen oder langsamen Takt um einen Uhrkreis im Uhrzeigersinn herum gehend vermittelt die Unterschiede zwischen Stunden und Minuten. Man kann ein Seil in Kreisform auf den Boden legen und die Mengen der Uhrzahlen mit Bauklötzen oder Kastanien an den vorgegeben Platz legen lassen. Die vielen Minuten dürfen mit Popkörnern dargestellt werden. Verschiedenfarbige Viertel kennzeichnen die Viertelstunden.

Der selbst vom Kind aufgebaute Uhrkreis mit zeit-räumlichen akustischen Erfahrungen ist ein wichtiger Baustein zum späteren Rechnen. Horchübungen mit der Uhr sind von der ersten Mengenerfassung des Vorschulkindes bis zum Zahlenraum 60 im Grundschulalter möglich. 2 große Würfel zum Addieren der Stunden ergänzen das Material. Die Anordnung der Stunden wie oben die 12 und unten die 6, sowie rechts (3) und links (9) veranschaulichen die Raumlage und deren Beziehungen.

Klangwahrnehmung erfordert die komplexe zeiträumliche Verarbeitung im Zentralnervensystem. Das Verstehen von Eigenschaften wie kurz oder lang, hoch oder tief, schnell oder langsam ist verbunden mit Geräuschen, die wir als kleine Kinder hörten und ausprobierten. Auditive Wahrnehmung ist ein Kinderspiel!

Literatur:
Bauer, Joachim. Warum ich fühle, was du fühlst. Hamburg: Hoffmann u. Campe, 2005
Goleman, Daniel. Emotionale Intelligenz. München: Dt. Taschenbuch Verlag, 1997
Lauer, Norina. Zentral-auditive Verarbeitungsstörungen im Kindesalter. Stuttgart: Thieme 2001
Papousek, Mechthild. Vom Schrei zum ersten Wort. Göttingen: Hand Huber, 1994
Seiler, Christiane. Chancen für Kinder mit Muskelhypotonie. Norderstedt, 2009
Tomatis, Alfred: Der Klang des Lebens. Reinbeck: Rowohlt, 1990