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Fachzeitschriften, Elternverbände, integrative Einrichtungen und Sondereinrichtungen für behinderte Kinder fragen nach spezifischen Vorträgen oder interviewen mich zum Thema Muskelhypotonie. Im Folgenden finden Sie veröffentlichte Zeitschriftenartikel.
Praxis Ergotherapie, 04/2011, Verlag modernes Lernen

Ergotherapeuten sehen viele Kinder vor dem Eintritt in die Schule. Erst im Vorschulalter zwischen dem fünften bis sechsten Geburtstag ist häufig der Zeitpunkt des Therapiebeginns. Etwas verspätet, resümieren wir TherapeutInnen. Das zweite, dritte bis vierte Lebensjahr ist für den Erwerb von Handgeschicklichkeit besonders wichtig. Früh Eingeübtes bleibt zeitlebens als sichere Fähigkeit erhalten!

Gesellschaftlich gesehen befinden wir uns in einer Phase des Absplittens von Kompetenzen. Kindern wird nur noch selten zu Hause erlaubt, zu malen und kneten, zu schneiden und zu schnetzeln. Man überlässt die Schmutz verursachenden Tätigkeiten den Erzieherinnen im Kindergarten. Oder sucht bei verweigertem Malen den Therapeuten auf? Mancher Fünfjähriger hat noch nie ein Küchenmesser benutzt, kann weder ein Brot schmieren noch ein Brötchen aufschneiden. Ein Stück Obst in einer Hand halten und mit der anderen abschälen, erfordert Kraftdosierung und Feinfühligkeit. Solche in Uromas großer Wohnküche üblichen Kindheitserfahrungen sind heutzutage selten anzutreffen.

Vorschulkinder werden mit unvollständiger Malentwicklung und defizitärer Graphomotorik zur Ergotherapie überwiesen. Womit fangen wir an, ein motorisch impulsives und feinmotorisch ungeschicktes Kind zu fördern?

Feinmotorische Fähigkeiten wie einen Knoten machen und eine fest sitzende Schleife binden gehören zur motorischen Reife unbedingt dazu! Lehrer stellen jedoch immer wieder fest, dass nicht alle Schulanfänger mit den Schuhbändern zurechtkommen. Manche Sportlehrer führen als Notlösung Turnschuhe mit Klettband ein. Diese Rückwärtsentwicklung im Handgeschick verdient keine Unterstützung. Gerade bei Turnschuhen ist das sachgemäße Knoten und Binden besonders angebracht.

Die feinmotorischen Fähigkeiten werden drei bis vier Jahre lang im Kindergarten eingeübt. Kinder aus Familien, in denen auch zu Hause gebastelt und jahreszeitlicher Schmuck angefertigt wird, sind feinmotorisch gut auf das Schreibenlernen vorbereitet. Kinder, die gerne basteln und sicher den Umgang mit Schere und Papier beherrschen, können den Stift auf und zwischen den Linien führen.

Unzählige Erfahrungen mit Werkzeuggebrauch bilden die Grundlage für die Schreibfähigkeit, Graphomotorik. Der Erwerb von Handgeschicklichkeit in den ersten Kinderjahren ist auch bei verspäteter therapeutischer Intervention nur begrenzt zu verbessern. Einige impulsive Kinder zeigen Zittrigkeit beim Bauen eines Turms, beim Führen der Schere, beim Halten des Stiftes. Gerade Linien erscheinen krumm und Rundungen stellen sich eckig dar.

Geschicklichkeit im Handgebrauch erfordert tägliches Einüben von kleinen Hand-Aufgaben, um fließende Bewegungsabläufe zu automatisieren.

Wenn motorische Genauigkeit, Metrie, fehlt, ist meist das Feingefühl beim Schreiben nicht vorhanden. Der Stift wird zu stark oder zu schwach aufgedrückt. Fließendes Schreiben ist schwer. Die Schrift sieht eckig und krakelig aus, sie tanzt über und unter den Linien.

Nähen ist eine geeignete Tätigkeit zum Einüben von punktgenauem Zielen. In der Ergotherapie bastelt sich Jochen seine Indianertasche selbst. Aus einem alten Tapetenbuch sucht er sich ein festes Tapetenstück aus. Tiermotive sind beliebt. Wir falten die Tasche. An drei Seiten wird sie zusammengenäht mit einer Stopfnadel und Bast. Damit die Nadel leichter durch das reißfeste Papier geführt werden kann, stanzen wir mit der Lederlochzange in kleinen Abständen Löcher hinein. Das Halteband für die Tasche wird wie ein Zopf aus dickem Hanf, Makrameegarn, geflochten. Wie stolz ist Jochen, als er das Flechten des Bandes geschafft hat. Zu Hause hat er oft der großen Schwester beim Flechten zugeschaut und sich so etwas nicht zugetraut! Ich selbst bin immer wieder froh, wenn Jungen in der Therapie das differenzierende Halten und Führen von drei Fäden erlernen (Abb. 1). Danach geht das Schleife binden leichter. Die Finger sind im Halten und nicht Loslassen trainiert.

Kinder sind im 3. Lebensjahr in der Lage, mit einer Kinderschere zu schnippeln. Buntes, festes Papier oder dünne Pappe, hochwertige Werbeprospekte sind zum ersten Üben geeignet. Zweijährigen gebe ich einen langen Bastelstrohhalm in die Haltehand. Die Funktionshand schneidet Stückchen ab, die wir dem Teddy füttern oder in eine Knetpizza drücken. Ein kleines Rollenspiel motiviert. Kleine Hände können Pappstreifen gut festhalten. Das Abschneiden ist die erste Stufe. Danach folgt das Schneiden an einer Linie entlang, gerade schneiden. Aus einem Katalog schneiden wir Spielzeuge und Spielplatzgeräte als Vierecke aus. Vorher markiere ich mit dem dicken Filzstift einen groben Umriss um den auszuschneidenden Gegenstand. Hochwertige Kataloge erhalten wir Ergotherapeuten ja genug. Die rechteckig ausgeschnittenen Dinge werden auf ein großes Blatt, das ein Kinderzimmer oder einen Spielplatz darstellen soll, aufgeklebt. Solch ein kleines Werk wird in 10 bis 20 Minuten fertig!

Einen Kreis ausschneiden braucht viel Übung, bis er keine Zacken mehr enthält. Ein Viereck oder Dreieck ausschneiden ist einfacher. Aus geometrischen Formen lässt sich ein „Haus“ gestalten. Zick-Zack-Linien eignen sich für das Vorschulalter.

Das Falten von Papier zu kleinen Formen ist im asiatischen Raum verbreitet. Junge Kinder beherrschen es dort ebenso wie Gymnasiasten und spätere Ingenieure. Leider kommt es in einigen Kindergärten hierzulande aus der Mode. Papierfalten fördert nicht nur beidhändiges Geschick, sondern beinhaltet räumliche Umkehraufgaben. Wer Tangram erlernt, gewinnt visuell-räumliche Erfahrungen und damit einen Baustein zum mathematisch-logischen Denken. Für das große Kindertangram (von Ravensburger) habe ich für und gemeinsam mit Vorschulkindern eigene DIN-A4-große Vorlagen erstellt: Katzen, Hasen, Füchse, Enten und Schwäne aus Dreiecken, in Anlehnung an die winzigen asiatischen Vorlagen (Abb. 2). Mit der Laubsäge kann ein Vorschulkind sich sein Tangram zum häuslichen Üben selbst herstellen.

Lehrer wünschen sich von Schulkindern, dass sie

  • ein Blatt Papier mehrmals sauber falten können,
  • Papier in einen Ordner abheften,
  • ein Blatt von einem Zeichenblock abreißen, nicht einreißen,
  • stumpfe Stifte anspitzen können,
  • radieren, ohne das Blatt zu zerknittern.

Kleine Kinder, die täglich im Haushalt helfen, vervielfältigen ihr angeborenes Handgeschick. Nicht das Decken des Tisches schult die Hände, sondern der Gebrauch von Messern und Küchenutensilien. Einen Salat vorzubereiten, Gemüse zu putzen oder Kartoffeln zu schälen sind sinnvolle Tätigkeiten für Vorschulkinder. Bereits Kleinkinder haben mehr Freude beim Mithelfen in der Küche als beim Spiel mit Bauklötzen oder Puzzeln allein im Kinderzimmer. Eine Pizza für die Familie selbst herzustellen ist ein Gemeinschaftserlebnis für alle. Beim Kuchenbacken, Abwiegen und Abmessen erwerben Kinder ganz nebenbei Mengenverständnis.

Natürliche Kindererziehung beinhaltet keine Trennung von Gegenständen, die nur Kinder oder speziell Erwachsene benutzen. In Kulturen, in denen die Kochstelle niedrig am Boden platziert ist, erlernen bereits Zweijährige den Umgang mit Messer und Mörser.

Kinder, die den sinnvollen Umgang mit Schneidwerkzeugen erlernen, schulen ihr Handgeschick und Feingefühl. Vorsicht und Umsicht werden früh eingeübt. Dieses Training bewahrt vor zweckentfremdetem Messergebrauch.

Die Sitzhaltung – ein Spiegel der Aufmerksamkeit

Viele Eltern berichten, dass ihre Sprösslinge stundenlang vorm Fernseher und Computer still, ja, gebannt, sitzen bleiben, jedoch bei den Mahlzeiten herumlümmeln und vorzeitig vom Tisch aufstehen. Hier sind die Eltern mit eigenem Beispiel und positiver Disziplin gefragt. Wenn die Kleinen es nicht am Familientisch lernen, sitzen zu bleiben, solange die Mahlzeiten andauern, ausreden zu lassen, nicht mit vollem Mund zu sprechen, nicht gleichzeitig fernzusehen und so weiter, wer soll ihnen einfache Verhaltensregeln beibringen? Was ein Kind sechs Jahre lang zigtausendmal im Alltag erlebt hat, sitzt. Das nicht Stillsitzen könnte eine vertraute Gewohnheit sein.

Wenn nun Lehrerinnen und Lehrer an verinnerlichten „Kinderrechten“ rütteln, ernten sie Abwehr. Das ermahnte, motorisch unruhige Kind fühlt sich aus seiner Perspektive gesehen abgelehnt und ungeliebt. Unruhiges Herumrutschen auf der Stuhlfläche oder den Stuhl mit Kratzgeräuschen hin- und herschieben fällt bei stillen Arbeiten im Klassenverband sofort auf. Vielleicht ist das Kind nicht daran gewöhnt, auf einer brettharten Unterlage zu sitzen, sondern kennt zu Hause weiche Polsterungen? Je fester der Sitzuntergrund ist, desto mehr wird die aufrechte Haltung stimuliert. Stuhl- und Rückenlehnen sind meist überflüssig. Kein Kind sitzt minutenlang angelehnt, außer auf dem Sofa.

Auf schmalen Bänken und Sattelsitzen ohne sich anzulehnen und ohne die Möglichkeit nach hinten „abzuhängen“ erfüllen die im Gesäß befindlichen Sitzbeinhöcker ihre eigentliche Aufgabe. Diese knöchernen Rollhügel helfen das Becken und die Lendenwirbelsäule nach vorne einzustellen. Damit richtet sich die gesamte Wirbelsäule auf. Die Haltung ist gerade! In einem weichen Schreibtischsessel übernimmt der Körper nicht mehr aktiv diese Haltungskontrolle. Das Gesäß sinkt ein und die Wirbelsäule rundet sich nach hinten. Die Sitzbeinhöcker – eine geniale anatomische Erfindung – verlieren ihre Funktion, für aufrechtes Sitzen zu sorgen.

Es empfiehlt sich deshalb, keine anatomisch ausgeformten gepolsterten Drehstühle für die Therapie und die Hausaufgaben anzuschaffen. Kinder sitzen ohnehin nicht auf der gesamten Stuhlfläche, sondern suchen sich ihren eigenen Schwerpunkt. Kinder sitzen variabel, mal vorne auf der Stuhlkante, mal seitlich am Rand, mal über eine Ecke. Sie müssen und wollen immer viel Bodenkontakt spüren. Wenn Widerstände wie Tischbeine oder Möbelkanten vorhanden sind, regulieren Kinder durch Anstoßen und Abstemmen mit den Füßen ihre Rückenmuskulatur.

Motorische Fähigkeiten im Vorschul- und Schulalter

Motorische Fähigkeiten lassen sich an der Qualität des Gleichgewichts messen. Der Volksmund bezeichnet einen seelisch und körperlich ausgewogenen Zustand als „im Gleichgewicht sein“. Das heißt, seine Gefühle, Impulse, Bedürfnisse und den Bewegungsdrang unter Kontrolle zu haben. Die Kehrseite davon ist das Ungleichgewicht in allen möglichen Bereichen und Beziehungen.

Heute neigen hauptsächlich in Räumen und nicht mit und auf Bäumen erzogene Kinder zu weniger Balance als noch jene Generationen, die vorwiegend draußen spielten. Vor Jahrzehnten erstellte Motoriktests geben Normwerte zu kontrollierten Haltungen und koordinierten Bewegungen vor, die zur Zeit von jungen Kindern kaum noch erreicht werden. Man misst die Fähigkeit zur Balance mit geschlossenen Augen und bei rückwärts gerichteten Bewegungen, um die Qualität der Tiefensensibilität, der Propriozeption, zu erfassen. Es muss vermieden werden, sich „mit den Augen irgendwo zu fixieren“. Über taktil-kinästhetische Sinnesempfindungen sind wir in der Lage, Haltungen und Bewegungen so zu steuern, dass wir auch im Dunkeln eine Treppe bewältigen oder eine Leiter abwärts herunter steigen.

Hüpfkastenspiele gehörten zum Standardrepertoire, als unsere Urgroßeltern Kinder waren. Eine Zeitlang etablierte sich das Gummitwisten. Hof- und Straßenspiele sind in dem Maße verschwunden, wie die boomende Industrie Kinder, Kleinkinder und Kleinstkinder mit Lauflerngeräten und Fahrzeugen versorgt und deren Nutzwert per Werbung suggeriert. Alles überflüssig? Ja, Hüpfen ist der natürliche Ausdruck kindlicher Lebensfreude. Mit einem Luftsprung lässt sich kurzzeitig die Schwerkraft überwinden. Schwerelosigkeit macht glücklich. Die Muskulatur des gesamten Körpers wird über bereits im Mutterleib eingeübte Abstoßbewegungen mit den Beinen aktiviert. Kinder, die nicht hüpfen, neigen zu Antriebslosigkeit. Beim Sitzen erschlafft die Muskulatur schnell, was mit unruhigem Wippen oder Herumrutschen auf dem Stuhl ausgeglichen wird. Dieses hyperkinetische Verhalten wird heute meist als Aufmerksamkeitsdefizit gedeutet.

An der Sprungkraft kann man die motorische Reife und den Trainingszustand der Skelettmuskulatur ablesen. Gemeint ist die Sprungkraft aus dem Stand heraus in die Höhe, nicht jene mit Anlauf, Tempo und Schubkraft. Im sechsten Lebensjahr darf der Schlusssprung 35 bis 45 cm hoch sein. Mit dem Hüpfseil trainiert das Kind nicht nur Abspringen, sondern das harmonische Zusammenwirken von Beinen und Armen. Diese Koordinationsfähigkeit ist im Vorschulalter anzusiedeln, zeitgleich mit dem rhythmisch ausgeführten Hampelmannsprung. Kindern mit unzureichender Sprungkraft und Antriebsschwäche verhilft ein gut federndes Trampolin zu mehr Erfolg.

Beim Hüpfen ist Ausdauer gefragt, fünf bis zehn Minuten sind eine recht kurze Zeitspanne, fünfzehn bis zwanzig Minuten angemessener. Kinder, die viel fahren oder über das Laufalter hinaus ausgefahren wurden, kommen bereits nach wenigen Minuten aus der Puste. Ihnen fehlen der gleichmäßig koordinierte Bewegungsrhythmus und die motorische Ausdauer.

Zum Einüben koordinierter Hüpfbewegungen ist ein hochelastisches Trampolin bestens geeignet. Für den therapeutischen Gebrauch rate ich von Stahlfederungen ab und favorisiere ein rhythmisch schwingendes, an Gummischnüren aufgehängtes Schwungtuch. Die Elastizität der Aufhängung entscheidet über die Qualität des Trampolins. Bei Herstellern, die mit Sportmedizinern zusammenarbeiten, kann man die Gummischnüre nach dem Körpergewicht der Patienten auswählen. Während der Therapie soll das Trainingsgerät physiologische Körperbewegungen unterstützen und fördern.

Das Abspringen von Podesten oder Treppenstufen ist eine kleine Mutprobe, die Kinder sich selbst suchen. Kann das Kind den Körper bei der Landung abfedern, oder sinkt es in sich zusammen? Das in der Ergotherapie spaßige Hineinspringen in Knautschsäcke ist ein sehr flüchtiger Sinnesreiz. Es dient keineswegs der posturalen Kontrolle. Hineinplumpsen, sich fallen lassen entspricht keiner Gleichgewichtsübung, sondern eher kompensatorischen Bewegungen ohne Haltungskontrolle. Zudem entsteht beim Hineinspringen in mit Styropor gefüllte Säcke ein wohlmöglich toxischer Feinstaub, der über die Atemluft allergische Reaktionen hervorrufen kann.

Bereits Dreijährige erproben ihr Gleichgewicht beim Balancieren auf Mauern und beim Springen von allen möglichen Erhöhungen. Nachdem die Kleinen lernen, auf beiden Beinen zu balancieren, folgt das Hüpfen auf einem Bein.

Monopedales Hüpfen sollten Kinder im Vorschulalter beherrschen – eine lange Strecke auf dem Gehweg, von der Garage bis zur Haustür, 10 bis 20 Meter ohne Pause. Die Körperhaltung ist dabei aufgerichtet, nicht in den Hüften gebeugt. Das Hüpfen klingt rhythmisch federnd, nicht mühsam stampfend. Beim monopedalen Hüpfen wird ein Bein bevorzugt. Genauso wie es Rechts- oder Linkshändigkeit gibt, leitet immer dasselbe Bein eine Bewegung ein, ganz unabhängig von der Händigkeit. Ein Rechtshänder kickt vielleicht mit links besonders gut.

Für unseren kleinen Motorikcheck bedeutet dies, dass ein bevorzugtes Bein standfester und balancesicherer ist als das andere. Das Gleichgewicht im Einbeinstand zeigt sich, wenn Kinder im Einschulalter fünf bis zehn Sekunden mit geschlossenen Augen ohne rudernde Ausgleichsbewegungen stehen können – ohne einen Ausweichschritt.

Die Balancefähigkeit der Kinder kann mithilfe von schmalen Latten zwischen vier bis zu zehn Zentimetern Breite getestet werden. Ein aufgeklebtes Band ist nicht empfehlenswert, da es keine propriozeptive Rückmeldung vermittelt. Die Füße sollen so hintereinander platziert werden, dass die Zehen die Fersen leicht berühren. Das Rückwärtsbalancieren auf niedrigen Latten erfordert langsame, vorsichtige Balance ohne Augenkontrolle. Beim Vorwärtsbalancieren kompensieren instabile Kinder ihr fehlendes Gleichgewicht über hastiges Tempo.

Der Seiltänzerschritt vorwärts sowie rückwärts entspricht der Balance und Koordinationsfähigkeit Fünfjähriger. Der Abstand zwischen den Füßen soll nicht mehr als zwei Zentimeter betragen.

Kontrollierte Bewegungen sind nicht nur ausdauernd, langsam und vorsichtig, sondern auch gezielt und genau, metrisch. Balance beinhaltet Haltungsbewahrung in jeder Körperposition, bei allen Positionswechseln und bei jeder Bewegung und Tätigkeit. Rumpfstabilität ermöglicht ruhiges, aufrechtes Sitzen. Diese grundlegende Sitzfähigkeit ist mit Beginn der Einschulung die Voraussetzung für schulisches Lernen. Die Sitzhaltung spiegelt nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch den Zustand der Muskulatur wider. Der Zusammenhang zwischen ruhiger Konzentration und motorischer Impulskontrolle wird in der Art des Sitzens deutlich. Insgesamt sitzen heutzutage Kinder an allen Orten, im Kindergarten, während der Therapie und vor allem zu Hause, zu lange.

Für Kinder, die mit Schulbeginn noch nicht ruhig und sicher sitzen können, sind höhenverstellbare Stehpulte eine Alternative. Stehen erlaubt Schwerpunktverlagerung zwischen Standbein und Spielbein, wobei die Muskulatur angeregt wird. Im Stand richtet sich der Rücken wie eine Säule auf. Stehend reguliert sich der Muskeltonus auf natürliche Weise. Hypotone, bewegungsarme oder hyperkinetisch, unruhige Kinder sitzen mit schlaffem Rundrücken. Die Wirbelsäule ist im lumbalen Bereich kyphotisch, wobei die aktive Aufrichtung bei Muskelhypotonie nicht gelingt.

Bei vermindertem Muskeltonus sinkt auch die Aufmerksamkeit ab. Wechsel von Sitz- und Stehzeiten verbessern nachweislich die Konzentration. Bei den Hausaufgaben können die Eltern das Stehen am Pult ausprobieren. Es muss kein spezieller, teurer Stehtisch angeschafft werden. Ein aus Holz gezimmerter Aufsatz mit einer Neigung von etwa 30 Grad auf den Küchentisch gestellt, ist ausreichend. Bei der Höhenanmessung ist darauf zu achten, dass das Kind die Schultern nicht hochzieht und sich nicht beim Schreiben und Lesen nach vornüber beugt.

In ergotherapeutischen Abteilungen und Praxen steht ein höhen- und schrägverstellbarer Behandlungstisch zur Verfügung. Diese Möglichkeit, feinmotorische und graphomotorische Übungen im Stehen anzubieten, sollte genutzt werden.

Motorische Schulfähigkeit zeigt sich an ruhiger Körperhaltung, motorischer Impulskontrolle, Sitzfähigkeit und sicheren, metrischen Bewegungen mit Ausdauer.

Wenn kindgemäße Bewegungsangebote draußen sowie drinnen fehlen, kann das stundenlange Sitzen während der Schulzeit und bei den Hausaufgaben vor allem für impulsive Jungen zur lästigen Tortur werden. Leider finden wir hierzulande noch keine Trampoline in den Schulhöfen und Pausenhallen, um den beim Sitzen schnell leer werdenden „Aufmerksamkeitstank“ wieder aufzufüllen.



Literatur:

Bücken, Hajo (2006): Kinderspiele aus der guten alten Zeit. Fränkisch-Crumbach: Sammüller Kreativ GmbH
Sax, Leonhard (2009): Jungs im Abseits. München: Kösel
Seiler, Christiane (2010): Chancen für Kinder mit Muskelhypotonie und Entwicklungsverzögerung. 2. Aufl. Norderstedt: Books on Demand
Seiler, Christiane (2010): Schulreif mit Gemeinschaftssinn. Norderstedt: Books on Demand
Wunsch, Albert (2000): Die Verwöhnungsfalle. 12. Aufl. München: Kösel

Über die Autorin:
Christiane Seiler hat im Zeitraum ihrer 29jährigen Niederlassung als Ergotherapeutin bei nahezu 800 Kindern im Vorschulalter die posturale Kontrolle und motorische Schulreife befundet. In Kooperation mit Eltern wurden Übungen für zu Hause erarbeitet. Die Ergotherapeutin pflegt regelmäßigen Austausch mit Erzieherinnen und PädagogInnen. Beratungsgespräche mit Fragestellungen zur Schulreife bewogen die Autorin zur Zusammenstellung eines kleinen Handbuches für Erziehende „Schulreif mit Gemeinschaftsinn“, das die Autorin 2010 als Ratgeber herausgab. Deutschlandweit gibt Christiane Seiler Seminare zur Frühentwicklung von Haltungskontrolle, auditiver Wahrnehmung und Hochsensibilität. Ihr therapeutischer Schwerpunkt liegt in der Behandlung von Kindern mit Muskelhypotonie.

Autorin:
Christiane Seiler
Ergotherapeutin
Castillo Morales®- und Bobath-Therapeutin
www.muskelhypotonie.de
Stichworte: Motorische Schulreife, Handgeschick, Sitzhaltung